Der Diskuswerfer
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Der Diskuswerfer

div. Materialien auf Leinwand 120 x 160 cm

Der Diskuswerfer

Man hatte ihm gesagt, er solle die Augen schließen, dann würde er schon in die Tiefe des Wesens gelangen. Nur nicht einschlafen solle er, hatte man ihm geraten.
Das wäre die größte Gefahr beim Einstieg in das innere Dasein. Bliebe er wach, ohne zu denken, nur lange genug, dann träten sie hervor hinter dem schwarzen Vorhang, die unermesslichen geistigen Königreiche.
Er war dem Rat gefolgt, aber nichts geschah. Schwarz und leer blieb es hinter den geschlossenen Lidern, und so sehr er den Blick auch in die Schwärze bohrte, nichts war zu sehen, nichts erschien, nur eines war da, wenn man das zählen durfte: unermesslicher dunkler Raum.
Er blickte nach rechts, nach links, nach oben und unten und hinten und drehte den Kopf in jede erdenkliche Richtung: Nichts war da, außer dem Raum. Er sah sich inmitten des Raumes schweben, allein in der unermesslichen Weite, und ein Schauer der Einsamkeit durchzog seine Existenz.
"Ist das das Nihil, vor dem sich alle so fürchten?" fragte er sich. "Ist das die Existenz vor der Geburt und die nach dem Tode?"
Hier gab es nicht Zeit, und es konnte sie auch nicht geben, denn dem Raum war jede Bewegung, jede Veränderung fremd.
Still und unveränderlich war er da, weit, wie man nicht denken kann, und unsagbar leer, rein, staubfrei und absolut objektiv, neutral und ohne jedwede Eigenschaft, abgesehen davon, dass er räumliche Ausdehnung besaß.
So hing, flog oder schwebte er mitten im Raum und sah ihn sich an und dachte an den Weltraum, dem dieser sehr ähnelte.
Und plötzlich durchzuckte ihn eine Idee mit einer solchen Gewalt, dass er sie wie einen Schlag im Inneren fühlte und aufschrie:
"Ha!" rief er. "Wie, wenn ich den Raum mit Vorstellungen fülle?"
Bei diesem Gedanken blickte er wie zufällig nach unten und sah, dass er nicht mehr schwebte, sondern auf einer seltsam leuchtenden Substanz stand, die Wolkengebilden sehr ähnlich war, aber doch nicht aus deren Stoff bestand. Er hatte ein solches Material noch nie gesehen: halb Watte, halb Lichtsubstanz.
Man konnte es anfassen und Teile vom Haufen lösen, doch formte es sich ohne eigenes Zutun sofort zu vollkommenen Kreisen, runden, diskusartigen Scheiben, welche vibrierend in seiner Hand lagen, deren Vibrationen, obwohl beseligend, doch auch so schmerzhaft waren, dass ihm nichts weiter übrig blieb, als sie weit von sich in den unendlichen Raum zu schleudern, um sofort danach, von der Beglückung ihrer vibrierenden Berührung gelockt und magisch, unwiderstehlich angezogen, wieder in den Haufen zu greifen und das gleiche erneut zu vollziehen.
So ging es weiter über Stunden irdischer Zeit, und er wurde nicht müde, die Scheiben zu werfen.
Um diese noch weiter und noch tiefer in den Raum zu befördern, war er dazu übergegangen, beim Abwurf, der immer geübter wurde und der letztlich der klassischen Disziplin griechischer Scheibenwerfer glich, einen Schrei auszustoßen, so, als würde dieser die Kraft des Wurfes verstärken, was er auch tat, doch hatte der Schrei noch eine zweite Funktion: Er verband den Schmerz mit der Lust und die Lust mit dem Schmerz zur schieren Ekstase.
Und als er, wie erwachend, hinaussah in die Weiten des nun von leuchtenden Scheiben erfüllten Raumes, da sah er, Unglaubliches war geschehen: Sie schwebten als Galaxien im unendlichen Raum, und er war ihr Schöpfer! - Dann hörte er eine Tür gehen und die Stimme seiner Frau, die ihn rief:
"Das Essen ist fertig!"

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