Die gnostische oder psychische Liebe

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BĀLAVAT liest

Die gnostische oder psychische Liebe
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Die gnostische oder psychische Liebe

div. Materialien auf Leinwand, elektrifiziert 160 x 120 cm

Die gnostische oder psychische Liebe

In einem Traum erschien mir der Erlöser
und sagte zu mir, auf das Herz hinweisend:
"Mein Freundchen, höre, was ich dir jetzt sage!
Es geht uns alle an und trifft den Kern:
So einfach ist die Sache nicht mit jenem Ding,
das man die Liebe nennt. - Es gibt sie nicht auf Erden!
Das Tauschgeschäft sitzt fest auf ihrem Throne
und tut sich groß, verströmet auch das Glück,
erfüllt geheime Sehnsucht, tiefe Wünsche,
die der Natur entsteigen aus vergangenen Zeiten."
"Das ist mir klar und tausendfach bewiesen",
gab Antwort ich der himmlischen Erscheinung
und diese sprach in einem Zuge weiter:
"Wie aber kannst du ohne Liebe leben?"
"Ganz einfach", gab zur Antwort ich: "Wie alle!
Zum Maße nehmend das, was mir gegeben.
Lacht mir wer zu, dann lache ich zurück.
Hebt wer die Faust, dann geht es Aug' um Auge.
Erfüllt mir wer geheime, dunkle Triebe,
werd ich es gleich ihm tun, bis zum Exzess!
Und rettet mir gar jemand mal das Leben,
steh ich in seiner Schuld bis hin zum Tod.
In einem solchen Fall kann man behaupten,
dass es die Liebe gibt auf dieser Welt."
"Du irrst", sprach Jesus auf der weißen Wolke,
auf der er schwebend immer näher kam.
Mir schien es fast bedrohlich anzusehen,
wie er an Größe zunahm, dabei sagend:
"Es ist die Liebe nicht, von der du sprichst."
"Was dann?", gab kecke Antwort ich dem Gottessohn.
"Wie nennst du tiefstes Fühlen, die Gerechtigkeit,
den Nächsten zu behandeln, wie sich selbst?"
"Geschäft", gab Jesus Antwort, näher kommend.
"Es fragt die Liebe niemals nach dem Lohn!
Sie gibt sich ohne Vorbehalt aus dem Erkennen,
in dem der Dolchstoß noch das Gute meint,
so wie der Eltern Strafen Kinder schmerzen,
um in ein frohes Leben sie zu führen."
Ich gab zurück den klugen, schönen Worten:
"Da ist was dran." Doch Zweifel stiegen auf,
ich fragte Jesus, der noch näher rückte:
"Als Vorbehalt das unbekannte Glück?
Das kann und will ich keine Liebe nennen!
Das ist Kalkül und Zwang, kann nicht die Liebe sein."
"Doch, doch", gab Jesus gnädig lächelnd Antwort mir von oben.
"Es weiß die Liebe immer, was sie will."
Und ich: "Wie das? Woher? Und auch warum?
Hat Liebe denn mit Freiheit nichts zu schaffen?
Ich glaubte immer dann zu lieben, wenn ich gab,
nicht nahm, nicht tauschend und nicht kaufend.
"Du irrst", sprach Jesus, riesengroß geworden;
ich blickte in sein Herz, in eine Rotlichtlampe,
doch hörte Tiger nah am Ohre fauchen,
dass warm und kalt mir dabei zeitgleich wurde.
"Es kennt die Liebe nicht den Unterschied.
Sie nimmt und gibt in einem, ohne Denken.
Sie weiß dem Mörder noch zu helfen bei der Frage,
ob er des Opfers dauert oder nicht.
Dem Opfer - wie der Name es schon sagt -
weiß sie das Glück des Nichtmehrseins zu geben.
Es herrscht ein Plan in meiner, Gottes, Liebe,
wie ich des Einsseins Fühlen vorwärts bringe!
Des Todes Tiger sollen nicht mehr schrecken
den, der sich gab und dazu unter Schmerzen,
weil er den Tod durch seine Liebe fand,
die ihn verdarb, doch alle andern nicht."
Dann schwieg der Herr. Ich sah das ein.
In meinem Traume roch es nach Pralinen,
es sausten Nägel durch die Luft.
Ein süßer Schmerz zog mir durchs Herz, das kleine.
Ich blickte hin: Es glühte! Feuerrot! -
Dann wuchs es und schwoll an, trat aus der Brust.
Ich wies mit meiner Linken auf die Stelle
und stand auf einer Wolke, wie der Herr.
Der sprach zu mir, doch jetzt aus meinem Munde:
"Du bist erlöst, sofort, zur selben Stunde!"

Ich wachte auf. Saß senkrecht in den Kissen,
rieb mir die Augen. Blickte in die Sonne
und kann seitdem die Liebe nicht mehr missen
und bin umhüllt von ihr und ihrer Wonne,
selbst wenn ich mordend durch die Lande zieh',
ist mir bewusst: nicht ich, der Mörder, mordet,
sondern SIE,
SIE ist das ewige Opfer und stirbt nie!

BĀLAVAT