Die Macht des Geistes

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Die Macht des Geistes
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Die Macht des Geistes

Triptychon, div. Materialien auf Leinwand 160 x 360 cm

Die Macht des Geistes

Er sprach zu sich in einer dunkelen Nacht,
am Ende des Lateins und seines Lebens, der Mensch,
des Strickes Schlinge um den Hals gelegt,
das andere Ende um das Fensterkreuz geschlungen,
auf einem Stuhle stehend, den er sonst besaß:

"Des Geistes Spiegel kann das Nichts man nennen.
Wer vor ihm angelangt mit wachen Augen
es wagt, den Blick tief in ihn einzusenken
mit jenem Ziel, auf seinen Grund zu kommmen,
der wird entdecken, daß es den nicht gibt!
Es dehnt das schwarze Leer sich unermeßlich
und uferlos nach allen Seiten aus.
Die einen faßt der Schwindel, andere Schrecken
beim Anblick dessen, daß man gar nichts sieht.
Ein dritter starrt gelähmt in die Umnachtung,
ein vierter schläft gleich auf der Stelle ein.
Ein süßer Sog geht aus von diesem Loche,
und Schwäche kriecht durch's Hirn und Mark der Knochen.
Des Denkens Bilder siechen und verschwimmen
und fließen ab ins Blöde, selig lächelnd,
ins Kinderlallen fällt das Wort zurück,
und gähnend sinkt der Geist ins schwarze Kissen.
Dann ist es aus! - Dann hat des Schlafes Schleier,
wenn nicht des Todes Mantel uns umhüllt.
Zu nichts wird alles, was nicht ewig ist
und nicht bewußt gewollt in dieser Nacht.
Wer aber webt des Traumes zarte Bilder?
Wer schuf das Land, in dem die Toten leben?
Wer läßt erwachen uns, gibt neues Leben?
Ein guter Geist? Ein Gott? Der Satan selber?
Daß es geschieht, wird keiner hier bestreiten.
Zu welchem Zweck sind wir ins Sein gebracht?
Nur, um geworden, vor dem Nichts zu stehen?"
So sprach er zu sich in der dunkelen Nacht, der Mensch,
am Ende des Lateins und seines Lebens,
des Strickes Schlinge um den Hals gelegt,
das andere Ende um das Fensterkreuz geschlungen,
auf einem Stuhle stehend, den er sonst besaß,
zum Sprung bereit ins Nichts, aus dem er kam.

Da trat aus jenem Leer ein holdes Wesen
voll Anmut, zart und einem Engel gleich.
In seiner Rechten hielt es einen Pinsel,
in seiner Linken trug es die Palette,
doch nicht gefüllt mit Farben, wie man's kannte,
sie war bevölkert, dicht, mit winzigen Gestalten,
mit Menschen, Tieren, Pflanzen und mit Steinen,
aus denen flugs ein Bild das Wesen schuf.
Es sprach dabei und deutlich zu vernehmen:

"Des Geistes Spiegel kann das Nichts man nennen,
in dem durch Nachbilds Kraft die Welt entsteht.
Es blickt der Geist aufs Wesen aller Dinge,
im Allgemeinen erst und dann speziell,
damit zusammenhält, was doch so unterschiedlich
hier in Erscheinung tritt in Raum und Zeit.
Eins weiß er alles, was sich hier bekämpft.
Er gab dem Löwen Krallen, Raubtiers Zähne,
der Antilope lange, schnelle Beine.
Gibt es das Eine, kann's ein Zweites geben.
Was uns der Schmerz, ist ihm die helle Freude,
weil wissend er den Grund und Sinn erkennt.
Geburt heißt Tod ihm, Tod heißt neues Leben.
Nur durch des Geistes Nachbild gibt's die Welt!
Erst war der hohe Stamm des großen Baumes,
dann der Giraffe langer Hals und hohe Beine.
Erst war der Geist und dann des Menschen Streben.
Es liegt dem Schöpfer diese Welt zu Füßen.
Er ist der Bilderzeuger, der den Lauf bestimmt
durch Nachbilds Kraft, das der Idee entstammt.
Er weist auf Ziel und Plan des Ganzen, stets und immer,
erklärt dem Sucher das Woher, Wohin
und läßt teilhaftig werden ihn am großen Werden,
das souverän er aus dem Sein bestimmt.
Das Hohe blickt auf's Niedere voll Erbarmen.
Der Massenmörder liebt die Opfer sehr!
Des Nachbilds Kraft erwächst aus den Visionen.
Ein jeder darf und kann sich ewig wähnen,
wenn er das Nachbild selbst erzeugen kann."

Dann schwieg das Wesen, doch das Bild, es lebte
und ward zur Welt, die auch bewohnbar war.
Der Mörder staunte hoch auf seinem Stuhle
und sprach zu der Erscheinung aus dem Nichts:
"Wer bist du, Wesen dort, mit der Palette,
auf der statt Farben fertig Dinge leben?
Wer bist du, daß mit Leichtigkeit gelingt,
mit einem Pinselstrich nur diese Welt zu schaffen,
in der verzweifelt nach dem Sinn man sucht?"
"Du bin ich", sprach das holde Kind im Spiegel.
"Und deine neue Möglichkeit und Lust am Leben!
Die Freiheit bin ich und dazu die Freude,
der aus der Macht ein liebend Herz erwächst."

Da sprang der Depressive von dem Stuhle
aus Freude über neuen Lebenssinn,
doch er vergaß, die Schlinge zu entfernen.
Nun hängt das Dumpfe tot und schwer am Strick.
Er aber fiel aus jener toten Hülle,
wie eine Schlange ihre Haut verläßt,
zu Boden, um erstaunt und voller Wunder
zu sehen, daß es ihn noch immer gab!
Nicht einmal war er vor dem Nichts vorhanden.
Nein! - Dreifach, Freunde, war der Neue da!

Der Maler war er in der Mitte seines Wesens,
der fertig Ding zu seiner Farbe machte.
Zu seiner Linken haute er die Steine,
um Leben aus dem Material zu locken.
Das sprang als Affe aus des Stoffes Grund,
mit einem Faustkeil in der Hand, es nachzutun
dem Schöpfer, ihm, den zweiten Schlag zu führen,
damit er schüfe auf dieselbe Art
sich selber, seinem Vorbild gleich, dem Gotte,
von dem ein Nachbild er im Grunde war.
Zu seiner Rechten war sein Geist befaßt
vor einer Schiefertafel, mit Lineal und Zirkel,
Unmöglichkeiten schauend zu bezwingen,
was ihm gelang, wie aus dem Handgelenk.
Als erstes löste er die Quadratur des Kreises,
es folgten viele ungereimte Sachen.

So lebt er froh nun und voll guter Dinge
als Götterwesen in der kleinen Welt,
die, malend er sich in beschriebener Form,
zu seinem Eigentum als Schöpfer machte.

BĀLAVAT