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Das Henkersfrühstück

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BĀLAVAT liest

Das Henkersfrühstück
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Das Henkersfrühstück

div. Materialien auf Leinwand 120 x 160 cm

Das Henkersfrühstück

In tiefste Nacht versunken und in Schweigen,
von Unvermögen heimgesucht und Sinnentleerung,
als letzter aufgeführt der Menschenart,
als erster stehend auf der Abschussliste,
aus gutem Grund den Trost der Geistlichkeit verweigernd,
erwartet er mit kühlem Kopf den nächsten Morgen,
an dem noch vor des großen Lichts Erscheinen,
das Haupt vom Rumpf das schräge Messer trennt,
weil er gemordet hat - , das eigene Leben!
Er hat das Schwein in sich besiegt, durch die Askese!
Er metzelte die Muttersau mit kaltem Stahl,
den an des großen Wissens Steinen er geschliffen.
Er brachte Tod ins geile Fleisch des Lebens,
das Geistes Herrschaft rundherum verweigert,
weil's nur um seiner selber willen pulst und lebt
und stets bekniet sein will zu allen Zeiten,
von blutgeschwollener Wurzel tief durchdrungen,
damit die Form sich aus sich selbst gebiert,
verfeinert zwar in Wachstums langen Zyklen,
mit schärfsten Sinnen reichlich ausgestattet,
doch ohne Seele und bewussten Willen
nur biologischen Gesetzen folgt.
Es sprach der Todeskandidat in dem Verließe:
"Ist das der Preis für der Entwicklung Gang
zu jenen Reichen vor und nach dem Leben?
Ich will ihn zahlen ohne 'Wenn' und 'Aber'.
Der Henker soll mir ein Erlöser sein
aus pausenloser, blöder Wiederholung!
Des Todes weiße Tiger soll'n mich fressen!
Es muss noch andere Möglichkeiten geben,
dem Stoff bewusstes Leben einzuhauchen;
der Mutterschoß kann nicht die einzige sein!"
Er warf sich auf das harte Lager nieder,
vergrub das lockere Haupt in Armes Beuge,
sah hinter den geschlossenen Lidern Geistes Wüste
und dunkele Nacht am ganzen Firmament.
Da war kein Stern, kein Mond und keine Sonne;
schwarz war der Himmel, eine Todesnacht,
in die er tränenlos versunken blickte.
Doch was war das?! - Er schien zu phantasieren!
Am Horizont erschienen plötzlich viele Köche!
Sie trugen Pfannen, Töpfe, Tiegel in den Händen.
Es roch nach Spiegeleiern und nach rohem Schinken.
Die Schar der Köche kam im Chore singend näher.
Man konnte zwar nicht jedes Wort des Lieds verstehen,
doch ging es sinngemäß in etwa so:

"Wagt wer, sich an nichts zu binden,
stirbt in ihm das Ich-Empfinden,
und so gibt es ihn nicht mehr,
Geist und Körper sind dann leer."

Und schon ging es weiter mit der zweiten Strophe:

"Tote leben überall
auf dem schönen Erdenball.
Man muss erst gestorben sein,
um des Lebens sich zu freuen."

Und weiter ging es im Text:

"Es ist nicht der Sinn des Ganzen,
pausenlos sich fortzupflanzen.
Wer sich nur ans Leben bindet,
niemals dessen Inhalt findet."

Es folgte die vierte und die letzte Strophe des Liedes,
die den Delinquenten persönlich ansprach. Die Köche sangen:

"Deshalb traue du auf Gott!
Leg dein Haupt auf das Schafott.
Lass vom Denken dich befreien,
und du wirst erleuchtet sein."

Dann brach der Gesang ab. Die Köche tafelten ein reichhaltiges Frühstück auf.
Es gab in Überfülle 'ham and eggs'. Der Todeskandidat schlug sich den Bauch voll.
Als er satt war, legte er wohlgemut und der Verheißung des Liedes vertrauend das Haupt unter das drohende Messer der Guillotine und zwar nicht, ohne noch einmal verstohlen zu diesem hinaufzublicken. Dabei gewahrte er einen Engel über dem Fallbeil, der sich zu ihm herabsenkte und dreimal in einer Art Sprechgesang rief:

"Gloria in excelsis deo!"
Und dann: "Was sein muss, muss sein.
Jetzt stirbt das Schwein!"

In diesem Moment, von unsichtbarer Hand bedient, krachte das schwere Messer herab. Der Kopf des Hingerichteten rollte in die dafür vorgesehene Kiste, die zur Hälfte mit Sägemehl gefüllt war; doch der Rumpf des nun Kopflosen erhob sich, als wäre nichts geschehen!
Aus dem blutenden Halse jedoch wuchs eine große weiße Blase, welche die Wunde verschloss und bald die Stelle des Kopfes einnahm. Sie hatte die Form einer großen Sonne und leuchtete hell in der geistigen Nacht und der Wüste, dass die Köche in ihren weißen Anzügen deutlich und scharf umrissen zu sehen waren.
Der Enthauptete schritt durch den unendlichen Raum und es ward ihm klar, dass er kein Ende, sondern einen neuen Anfang des Daseins erfuhr: er, die Miniatur, die mikrokosmische, begrenzte, sterbliche, in die Form gebundene, fehlidentifizierte, pseudoindividualisierte, biomechanische, determinierte Person ohne oder nur mit geringer Bedeutung, hatte sich in den unbegrenzten, apersonalen Raum verwandelt, in dem er nun als leuchtende Sonne am Nachthimmel stand und in dem er sich, überall, wohin er sein Licht schleuderte, als sich selbst erkannte: alles durchdringend, multipersonell und doch gesammelt in einem einzigen Wesen.
Dabei wunderte er sich über die grenzenlose Weite und Freiheit der Existenz und Freude kam auf darüber, dass man auch ohne zu denken leben konnte und wie es aussah, sogar für immer und ewig.

PS: Es muss nicht gesagt werden, dass jene schwarze und leere Wüstennacht in uns allen zu finden ist und jeder auch ein inneres Schwein besitzt, wodurch wir innig miteinander verbunden sind - und dass wir froh sein können, dass nun der Geist des Hingerichteten am Himmel als neue Sonne erstrahlt.

BĀLAVAT

 
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