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Zutiefst fand ich, was zuhöchst ist

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BĀLAVAT liest

Zutiefst fand ich, was zuhöchst ist
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Zutiefst fand ich, was zuhöchst ist

div. Materialien auf Leinwand 160 x 120 cm

Zutiefst fand ich, was zuhöchst ist

"Schau nur", sagte er zu ihr. "Das Loch in der Erde war doch vorhin noch nicht da! Ich wusste gar nicht, dass die Erdkruste so dünn ist. Außerdem habe ich gehört, dass das Erdinnere aus glühender Lava bestehen soll. Hier aber ist unter dem papierdünnen Acker nur unendlicher, leerer Raum. Es kann einem schon bang ums Herz werden, wenn man das weiß. Diese physische Wirklichkeit scheint gar nicht die Stabilität zu besitzen, die man ihr zuspricht.
Dass wir das beim Ausgraben der Erdäpfel gar nicht bemerkt haben! Diese müssen ja im leeren Raum gehangen haben. Erleben wir hier ein Wunder, oder ist das die wirkliche Wirklichkeit?"
So sprach er, halb zu ihr, halb zu sich, sichtlich irritiert von dem Phänomen, vor dem sie standen. Er kniff sich in die Wange und senkte, magisch von der Erscheinung des Lochs angezogen, den Blick in die unermessliche Tiefe.
Sie, schweigend, blickte ebenfalls in das Loch, von dessen tiefer Schwärze ein hypnotischer, fast beseligender Sog ausging.
So standen sie und ihr Pferd, das ebenfalls zum Loch in der Erde blickte, lange Zeit da, ratlos und, obwohl von der Tagesarbeit todmüde und einer Erschöpfung nah, ohne sich vom Anblick des Loches losreißen zu können, und blickten in die Tiefe ohne Grund.
Nur ein außenstehender Betrachter hätte ihnen von der zweiten Erscheinung berichten können, die sich über ihren Köpfen hoch im Blau des Himmels ereignete.
Dort schwebte ein Apfel, schwerelos, Ruhe ausstrahlend, Stille erzeugend, Frieden verströmend, weithin sichtbar, so, als wäre er aus dem Loche aufgestiegen, ja so, als wäre er, der da war, wie das Loch nichts war, Grund für die Leere des Raumes unter dem papierdünnen Acker.
Und dieser außenstehende Betrachter wäre mit Sicherheit irgendwann zu der Überzeugung gelangt, dass der daseiende Apfel und das Loch in irgendeinem Zusammenhang standen und denselben Realitätsgrad besaßen, was bedeutet hätte, dass er der Wahrheit ganz nahe gekommen wäre, so nah, dass er wohl begriffen hätte, dass er, der nur als neutraler Zeuge existierte, eigentlich alles war, was er sah: das Loch, der Raum, der papierdünne Acker, die müden Bauersleute mitsamt Pferd und Stein, der blaue Himmel und auch der Ruhe verströmende, schwerelose Apfel.
Und wenn er sich dessen dann noch bewusst gewesen wäre, hätten ihn Freude, Seligkeit, ja Ekstase ergriffen, und er stünde jetzt noch vor dem Bilde, lächelnd und beglückt, weil es zusammenbrachte, was ansonsten getrennt existierte.

BĀLAVAT

 
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