Das verlorene Maß
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Das verlorene Maß

div. Materialien auf Leinwand 160 x 120 cm

Das verlorene Maß

Mit frommem Blick auf hoher Kanzel Phrasen donnernd, damit's Kollekten-körbchen voller wird als letzten Sonntag, dabei ein schielend Auge auf die süße Maid gerichtet, die in der ersten Bank im leichten, straffen Kleide in Andacht glüht, verzückt der Lüge lauschend, stand er, der Herr Kaplan.
Da ward ihm schwarz vor Augen. Er hatte wohl zu tief die Luft gesogen. Vielleicht war's auch der Weihrauch, der ihn schwindeln ließ. Er sank zu Boden, und es wurde Nacht.
Ein schwarzer Vorhang, schwer und weich, stand ihm vor Augen, in dessen Falten senkrecht Knochen hingen. Er hatte sich geöffnet, einen Spalt, und goldenes Licht drang in des Priesters Seele.
Zwei Engelchen erschienen in der schmalen Öffnung und zeigten ihm sein Maß, das er verloren, und riefen:
"Von uns zu reden wagst du, alter Lügner! Von Gott gar zu berichten maßt du dich an? Wohl wissend, dass du ihn noch nie gesehen, nie gespürt? Verlangst von anderen, was du noch nie vollzogst in deinem Herzen, deinem Leben? Bist ohne Wissen, wie die Dinge liegen! Haust auf den Putz, als wäre Gott dir nah!
Du Schlingel, alter Heuchler, warte ab! Man wird dich gar noch in die Hölle schicken. Gib zu, dass bestenfalls das, was du sagst, nur eingeredet ist. Doch willst du, dass die anderen es glauben.
Ein jeder wahre Denker wird dir sagen, dass zwischen Mensch und Gott ein Abgrund gähnt, so tief, so schwarz, so leer und ohne Boden, wie's tiefer, schwärzer, leerer, bodenloser nicht mehr geht.
Dort geh hinein, wenn nach dem Gott du suchst. Nur was du dort erlebst, darfst du berichten!"
Dann schloss der Vorhang sich, und der Kaplan erwachte, das Haupt in den Schoß der holden Maid gebettet, die hilfreich, als er fiel, herbeigeeilt.
Ein wenig später hat er sie gefreit und auch den Dienst quittiert beim Klerus, ward zum Küster und läutet heute, kraftvoll und schweigend, allsonntäglich die großen Kirchenglocken.
Den Abgrund hat er nicht gewagt - , drum ist er sterblich, wie er's war, geblieben und weiß vom Elend, das ihn auf der Kanzel traf.

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