| Bild | Galerie |
Der neue Raum
|
120 x 160 cm | |
|
Nachts saß an seinem Fenster er und blickte zu den Sternen, erwartend, daß im Raum dort und am Himmel sich endlich etwas täte, weil auf der Erde der Entwicklung Gang ihm viel zu langsam von der Stelle kam und wahrlich sich nur auf derselben Stelle drehte. Nach langer Zeit des so versenkten Schauens und geistiger Betrachtung, was denn vonnöten wäre - die Augenlider hatten mehrmals schon sich von allein geschlossen -, ward er mit einem Schlage wach, denn was er sah, das konnte gar nicht sein, weil es nicht möglich war. Und doch geschah es! Ein Riß ging mitten durch des Weltalls Tiefe! Es fielen Sterne, die nicht fallen konnten, und es verschoben sich die Galaxien, die fest dort standen seit Undenklichkeiten. Er rieb die Augen, kniff sich in die Wange, hielt vor den offenen Mund erschreckt die linke Hand, die rechte hielt er schützend vors Gesicht. Sein Herz schlug schnell, begann zu rasen, sein ganzer Körper bebte vor Entsetzen, denn was er sah, das konnte wahr nicht sein, doch war es das und wirklicher als jene Wirklichkeit, die seine, die er kannte. Der Riß im Weltall wurde breiter, breiter, und eine weiße Untertasse - ein unbekanntes Flugobjekt - schoß lautlos durch den weitgewordenen Spalt, zog einen hellen Schweif in kühnem Bogen hinter sich her, aus leuchtender Substanz, wie, um eine Straße zu erschaffen, auf der, auf einer goldenen Kugel rollend, ein nacktes Weib - was sag ich - eine Göttin sichtbar wurde, von weißen Schwänen rauschend hergezogen, die sie mit goldenen Zügeln spielend lenkte, als wüßten diese schon vom angestrebten Ziele, das dort sein mußte, wohin die Untertasse flog, der eine Obertasse folgte. Die war gefüllt mit goldnen Kaffeebohnen, die wiederum durch den rasanten Flug, in dem sich letztere befand, von Zeit zu Zeit durch Zentrifugenkraft der Drehung in den erschaffenen neuen Raum geschleudert wurden, so daß die Bohnen dort wie neue Sterne glänzten. In ihrer hocherhobnen Rechten trug die Göttin den Erdenball, so wie auch wir ihn kennen, nur schien er völlig neu und unverbraucht zu sein, nicht nur gereinigt, wie man vermuten mag, nein, neu war der Ball, wie neu erschaffen! Auf ihm, da stand in voller Größe - und wieder nein -, viel größer als in Wirklichkeit, den halben Erdball fast umspannend, das Schloß Neuschwanstein, dieses Märchenschloß aus Bayern. In ihrer Linken trug die Göttin eine weiße Feder, wie um damit zu lenken ihren wilden Flug und dessen Richtung zu bestimmen. Das alles sah er vor den eignen Augen, an seinem Fenster sitzend, und hörte laut und klar vernehmlich und machtvoll auch die Stimme dieser Göttin in der stillen Nacht: "Höre mich, Ratio! - Es naht mit mir das ewige Märchen! Aus tiefem Subraum bringe ich ein neues Geistgebäude in die verworrene Zeit, damit sich endlich fände fester Halt im Denken und auch im Labyrinth der Religionen erneut ein fester Punkt zu finden sei, den zu erfassen die Vernunft auch in der Lage ist, und Glaube nur noch da vonnöten, wo sie im Individuum versagt, die reine, allumfassend Schöne, den Frieden bringend und die Freude aufs Schlachtfeld Erde, weil mit ihr alles zu verstehen und selbstverständlich nachzuprüfen ist." Dann schwieg die Göttin und verschwand in der unermeßlichen Tiefe des neuen Raumes. In seinen Ohren sauste es, und benommen blickte er zum Himmel, der nicht mehr derselbe war, obwohl ein Außenstehender das nicht bemerkt hätte, denn wie zuvor wölbte sich, machtvoll und scheinbar unverrückbar, die Unermeßlichkeit des neuen Weltalls über seinem Haupte und über den Häuptern aller anderen Wesen, wie das verschwundene Weltall es auch getan hatte. | |
| Textanfang | |