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Rede zur Eröffnung der BÀLAVAT Ausstellung in Wien am 25.07.07 von Gerhard Jaschke Zur Eröffnung der BÀLAVAT-Ausstellung ein paar einleitende Worte von mir zu geben von der Galerieleitung gebeten, machte diese mich sogleich zum Fluxusexperten, der ich nicht bin, und selbst bei Annahme eines solchen, was könnte dieser angesichts des Reichtums des Universums Balavat tun? Ist nicht alles schon gegeben in Balavats Ideenkosmos, der sich doch für jede und jeden auf die gar auffallendste Art materialisiert hat, ist ihm dies auch ziemlich egal, geht es Balavat doch um ganz etwas anderes, wie ich meine. Er, der seine Hervorbringungen nicht als Kunst verstanden wissen will, da ihn diese nicht interessiert oder nur am Rande, gleichsam als Vehikel, um seine Vorstellungen ein wenig zu veranschaulichen, zu transportieren. Balavat sagt: "Es gibt genug Kunst auf der Welt und diese hat nachweislich nichts oder nur sehr wenig bewußtseinsevolutionär hervorgebracht und bewirkt." (Wenn man die schamanistischen, ägyptischen und griechischen Bemühungen ausklammert.) Ausnahmen bestätigen die Regel. Dort setzt Balavat an: Balavat will im autosuggestiven Selbstversuch eine konstante paranormale Bewußtseinsveränderung hervorrufen, die ebenso unumkehrbar stabil ist, wie die Bewußtseinsebene der heute als `normal´ bezeichneten Mentalität (wie wir sie alle besitzen). Dabei benutzt er bei diesem Versuch nicht, wie es die Forschung so gerne tut, `andere´, sondern sich selbst... Diese paar Sätze aus der Eröffnungsrede zur Balavat-Ausstellung in Leipzig vor zehn Jahren, setzen sie uns in Schwung, um dem, der es wie niemand anderer laufen läßt, dem Supra-Avantgardisten, dem die Idee substantiell ist, näher zu sein? Warum wohl? Wirft er doch Rätsel auf, die gelöst werden wollen. Das erste ist gewiß untrennbar mit dem Namen Balavat verbunden, soll doch dieser gleichsam Programm sein. Ist es so? Steht Balavat demnach für das Schaffen von Eckehard Bötterich? Aus dem Sanskrit stammend bezeichnet Balavat einen frohen, reinen Bewußtseinszustand, der dem eines Kindes gleichkommt, welches frei von drückendem Verantwortungsbewußtsein handelt. Doch hieraus schlußfolgern zu wollen, wir würden es bei ihm mit naiver Unschuld als Schaffensgrundlage zu tun haben, der irrt sich gewaltig, so Brigitte Rieger-Jähner. Und: Vielmehr ist der Künstler ein mit allen Wassern gewaschener Gestalter, der seine Mittel bewußt und vor allem gekonnt einzusetzen versteht. Das zeigt sich an seinen philosophischen Abhandlungen ebenso, wie an den Texten und Bildobjekten, die nicht selten aufeinander bezogen sind. Doch etwas Kindhaftes läßt sich bis heute im Schaffensprozeß dennoch feststellen. Es ist die nicht erlahmende Lust am Spiel... Wies Schwitters die Richtung? Waren es Weltenschöpfer a la Scheerbart, die hier und jetzt Pate stehen könnten? Gewiß, selbst in Werken von einigen Fluxisten wären Parallelen auslotbar. Die Assemblagen eines Spoerri oder die Spätwerke eines Milan Knizak in diesem Kontext durchaus nennenswert, doch bringen uns diese Versuche, Einmaliges einzuordnen, zu schubladieren um nicht einen Schritt weiter, lassen uns auf der Strecke, und es sind Bildtitel, Texte zu Bildern von Balavat selbst verfaßt, die mich näher an eine mögliche befriedigende Lösung, warum denn seine Kunst, einen anderen Terminus außer etwa den des zu Stunk anagrammierten Inputs haben wir zur Hand, ein dermaßen starker und überzeugender Fremdkörper im Kunsthandelskontext ist. "Des Denkens Himmel werden aufgerissen" "Das Ding war positiv und negativ geladen! In einer Form ein Ja und Nein zugleich." Gleichsam das Lebensmotto - die Moral von der Geschicht, nämlich von "Zweier Engel Tischgespräch oder die Grenze der Heiligkeit": "Man achte Gottes Stimme nicht! Der eigene Wille ist gefragt! Tut nie, was euch ein anderer sagt!!!" Und: "Der Kunst den Tod, die nichts zu sagen hat." Von der "Woge der Begeisterung", so ein weiterer Bildtitel von Balavat, wird man gar bald erfaßt. Ein Wunder, bei dieser Fülle, die einem zum Teil zum Passen zwingt, aber auch herausfordert, aus der Reserve lockt. Wie steht es in Balavats Stichworten geschrieben: "Alle Gestaltungen sind Symbole und Entsprechungen für geistige Zustände." Denn: NICHTS IST UNMÖGLICH. Unter Balavats Publikationen läßt sich ja auch "Der geometrische Ort als Durchgang zur phänomenalen und wesenhaften Wirklichkeit" finden. Ein großer Verwandler tritt mit Balavat auf, so viel oder so wenig kann wohl gesagt sein, einer, der es auf subtile Weise versteht, aus Nichts Alles zu machen, aus den minderwertigsten Scheußlichkeiten, gräßlichstem Kitsch Erhabendstes, Schönstes. Dieser alchimistische Zug in seinem Bild- und Objektwerk ist kaum zu leugnen. Auf die Entkitschung des Kitsches wurde im Zusammenhang mit seinem Oeuvre von berufener Seite denn auch hingewiesen. Rieger-Jähner ging auf diesen Umstand 2005 anläßlich der Balavat-Schau in Berlin ein, als sie da festlegte: "Ein plebejisches Konglomerat entsteht so, das einmal durch Balavats Hände gegangen in seiner frisch frechen Unmittelbarkeit zugleich auch poesievoll im Gesamtzusammenhang der Gestaltung wirkt, nachdenklich stimmt und nicht zuletzt der Ambivalenz unseres Traditionsbewußtseins auf beste Weise verpflichtet ist." Oder Andreas Mascha: "Die Verwendung von Kitsch als künstlerische Form, unterstreicht als materialästhetische Aussage jene allumfassende, gnostische Schönheit, um die es Balavat geht. Durch diese bewußte Instrumentalisierung von Kitsch für das Wahre und Schöne, wird nicht das Kunstwerk selbst zum Kitsch, sondern im Gegenteil, es kommt zu einer Umwertung aller (Kunst-)Werte, indem selbst Kitsch durch den Geist zu authentischer, großer Kunst transformiert wird." Und: "Vor allem ist die SUPRA-AVANTGARDE durch ihre machtvolle Ideenkunst eine (r)evolutionäre Kraft, sowohl für das individuelle Bewußtsein, als auch für die gesellschaftlichen Institutionen, wie z.B. den Kunstbetrieb..." Alles gut und schön, werden Sie vielleicht sagen, oder auch nicht, aber was soll uns das Ganze, heute, hier und jetzt? Daß die Idee wichtiger als die Ausführung ist, hatten wir doch schon, wir denken an Arte Povera, Events, manch Konzept, die eine oder andere Regieanweisung, Living Theatre, Leben als Kunst. Aber selbst in Sackgassen des Denkens, Fühlens und Dafürhaltens, ist Balavat, wie ich meine, derjenige, der hilft. Aus seinem Text zu "Das geistige Neuland": "Wenn das Bekannte abgesteckt und fest umrissen und wiederholt ist hunderttausendmal, den Geist einschnürt, ihn einengt und gar bindet, wird´s Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen." Auf der Suche nach des Lebens tieferen Sinn können wir Balavat wahrlich getrost von Gedanke zu Gedanke begleiten - und es tut gut, da einen zu wissen, der "in dieser trüben rationalen Welt, wo man die Märchen mordet und nur der Nutzen zählt", so er selbst, seinen ihm eigenen Weg eingeschlagen hat, eine Revolte gegen das sinnentleerte Leben exerziert, ein Loblied auf den wachen Geist anstimmt. "Der Einzelne wird von mir heimgesucht, dann erst die Masse; denn die ist träge und phlegmatisch, lernt nur schwer, begeht die gleichen Fehler tausendmal, den Massenmord an Arten und an Rassen..." Klingt doch recht prophetisch? Ist es auch. Und wir erinnern uns vielleicht des Aufrufs gegen den Luftmilitarismus des bereits genannten Paul Scheerbart, der auch so leicht und luftig etwa mit "Manches Gedicht mit viel Genie ist nur Verhöhnung der Poesie" daherkam. Jaja. Wie weiß doch zurecht Balavat, "der obdachlose Krokodilbeschwörer": "Nicht alle Menschen stehen auf Entwicklungs höchster Stufe." Wie wahr, wie wahr - und sonnenklar. "Angewidert vom großen Spaß des Lebens, diesem Bunjee-Springen, das letzten Kitzel schuf im Sturz nach unten..." findet BÀLAVAT gewiß Verbündete in größerer Zahl. Oberflächlich betrachtet könnte die SUPRA-AVANTGARDE von BÀLAVAT durchaus ihren Fixplatz, was heißt Fixplatz, ihre Führungsposition innerhalb der Hypermoderne (wohl zwischen Postpostmoderne und Neubarock zum ansiedeln) behaupten, fallen einem doch geradezu permanent Schlagwortkombinationen a la "Kunst und Humor" auf, vom Kunstforum international Köln in zwei opulenten Bänden dokumentiert, headlines wie "Ein bißchen Spaß muß sein", etwa in der Kunstzeitung vom vergangenen Monat, Ausstellungen von Erwin Wurm (Titel "Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes") und Peter Fischli/David Weiss ("Fragen & Blumen") betreffend. Und was ließe sich nicht noch alles locker hinzureihen - die Elaborate eines Maurizio Cattelan (wer denkt da nicht gleich an seinen vom Kreuz erschlagenen Papst) oder einer Elke Krystufek, eines Jonathan Meese, eines Thomas Hirschhorn bis Gelitin, die es im Laufe der Zeit verstanden haben, so etwas wie Respekt einzufordern. Ach Gottchen. Da ist es dann ja bloß ein winziges Trampelschrittchen zu Deutschlands letztem Biennale-Sternchen Tino Sehgal (Jahrgang 1976), das "Handlungen, Gespräche und Ereignisse an die Stelle des materiellen Kunstwerks" treten läßt. Auch schon etwas, wird so mancher von uns sagen. Recht so. Daß die Zukunft der Kunst ohne Humor, Verführung, Liebe und Überraschung nicht vorstellbar sei, verkündete unlängst Isa Genzken, Deutschlands diesjährige Biennale-Teilnehmerin - und mit ihrer Wiener Secessionsschau stellte sie diese Ansicht gewiß unter Beweis, führt sie doch in der jüngsten Phase ihres auszuufernden Werks die totale Verwertung vor: Miteinbeziehung von Modellwohnwagen, Glasvasen, Turnschuhen, zerschlissenen Jeans, Rollstühlen, Sonnenschirmen und immer wieder Kinderspielzeug zu apokalyptischen Still-Leben. Balavat könnte mit seiner Nicht-Kunst da gewiß voll im Trend liegen. Blicken wir nach Kassel, wo der Leiter der vor kurzem eröffneten documenta schlicht kundtat: "Für mich spielt die Frage, ob etwas Kunst ist oder nicht, keine Rolle." Zu dieser Aussage wurde er wohl aufgrund der Einladung eines Koches, eines Reisterrassenanlegers, eines Reiseunternehmers und etlicher anderer scheinbar Artfremder für die Weltkunstschau Nr. 1 genötigt. Blicken wir uns um, wird die Unterscheidung zwischen U und E, Hoch und Nieder, Kultur, Kitsch und Kunst immer schwieriger, das heißt letztlich doch ziemlich egal. Nichtsdestotrotz gibt es (zum Glück) da und dort noch immer Erfrischendes. Auf Balavats homepage unter Statements steht 1. Balavats Arbeiten sind topographische Aufzeichnungen von bisher weitgehend unbekannten, geistigen Erfahrungen überbewußter Natur, die durch eine neuartige, experimentelle und pragmatische Philosophie herbeigeführt werden können. Balavat setzt auf spontanes, intuitives Erkennen. Der logische Rückschluß und das Kalkül werden nicht mehr benötigt. Weiters bietet er Texte und Zugang zu den Werken, etwa Am Grabe der Ich-Idee Ich denke nicht mehr und bin dennoch Hommage an Man Ray oder Die Sache mit den Dimensionen, in der es unter anderem heißt: "Ein sich selbst wahrnehmbares Objekt ist ein Subjekt." Unter "gelöste mathematische Probleme" reiht Balavat: "Die Quadratur des Kreises durch Durchmesserteilung" Zuletzt stehe, zumindest auszugsweise, das Credo an die Welt des 1937 in der späteren DDR Geborenen, der 1958 (vor dem Mauerbau) als untragbar aus eben jener ausgewiesen wurde, in Hamburg Innenarchitektur und Design studierte, in den 1970er Jahren als Galerist Deutsches Informel und Dada vertrat, um danach als Freidenker (Pragmatischer Philosoph) und außergaleristischer Groß-Aussteller seiner Zukunft bestimmenden Bilder und Vortragender seiner Texte aufzutreten. "Erschafft euch selbst! Vertraut nicht auf den Staat, nicht auf die Kirche und nicht auf das Kapital! Vertraut besser auf den Weihnachtsmann, der eure Sehnsüchte kennt und euch mit der Rute der Selbstbestimmung züchtigt, wenn ihr euch nicht artig und tüchtig universalisiert. Und deshalb: Stellt euch einfach vor und drückt es einfach aus, wie es sein müßte, damit ein jeder auf der Welt zur Erfüllung kommt und nicht nur der Einzelne. (...) Also noch mal: Vertraut auf den Weihnachtsmann und entdeckt die unbegrenzten Möglichkeiten in euch selbst! Wir sind frei und gehören keinem! Amen!" Gerhard Jaschke, 2007 |