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Prof. Dr. Brigitte Rieger- Jähner Direktorin der Städtischen Museen Junge Kunst und Viadrina, Frankfurt (Oder) Rede zur Eröffnung des Balavat headquarters Berlin am 30. September um 19.00 Uhr "Es gibt nichts, was es nicht gibt" sagt Balavat und er bezieht sich dabei auf das Geschehen im Alltag, wie auf die Produkte, die dieser hervorbringt. "Das Reale hat keine Realität. Das ist nur das Graue", stellt er weiter fest und erschafft mit seiner Kunst eine Welt, in der die Farbe Grau so gut wie ausgeschlossen bleib. Doch gerade diese graue Substanz einer indifferenten Beliebigkeit erschließt sich nur dem, der die Vielfalt der Farbsequenzen, die schrillen und lauten ebenso wie die harmonisch leisen erkennend erlebt, möglicherweise aber auch durchlitten hat. Wo jedoch gelänge dies besser als hier in Berlin? So kann man zu recht feststellen: Berlin gehört gegenwärtig zu den interessantesten Städten der Welt. Brüche und Widersprüchlichkeiten auf allen Ebenen, die hier besonders deutlich erkennbar werden, schaffen vielleicht gerade deshalb für Künstler und Galeristen einen Boden, der fruchtbarer nicht sein kann. War noch bis in die 90er Jahre hinein Köln die Hauptstadt der Kunst mit ihren über 2000 Künstlern, den Galerien, der art cologne und Ähnlichem mehr, längst hat ihr Berlin den Rang abgelaufen. Wen verwundert es da, dass Balavat hier eine Verortung gesucht und gefunden hat, die seinem Werk schon lange entspricht. So wirkte auch seine Kunst in den Galerien mit ihrem zauberhaft frechen, zugleich skurril kultivierten Metropolenflair zuerst in Marienburg und danach im kleinen gepflegten Hachenburg wie ein Fremdkörper. Doch man muss sich fragen, wodurch ist sein Schaffen in der Vielfalt des existierenden Kunstgeschehens hier in Berlin einerseits so anders und einmalig und was lässt es andererseits wie für diese Stadt geschaffen wirken? Gibt uns der Künstlername Balavat darüber Auskunft, wird doch oft behauptet, er sei Programm für das Schaffen von Eckehard Böttrich? Aus dem Sanskrit stammend bezeichnet er " einen frohen, reinen Bewusstseinszustand, der dem eines Kindes gleichkommt, welches frei von drückendem Verantwortungsbewusstsein handelt." Doch hieraus schlussfolgern zu wollen, wir würden es bei ihm mit naiver Unschuld als Schaffensgrundlage zu tun haben, der irrt sich gewaltig. Vielmehr ist der Künstler ein mit allen Wassern gewaschener Gestalter, der seine Mittel bewusst und vor allem gekonnt einzusetzen versteht. Das zeigt sich an seinen philosophischen Abhandlungen ebenso, wie an den Texten und Bildobjekten, die nicht selten aufeinander bezogen sind. Doch etwas Kindhaftes lässt sich bis heute im Schaffensprozess dieses Mannes dennoch feststellen. Es ist die nicht erlahmende Lust am Spiel mit Worten, Themen und gegenständlichen Zuordnungen. Diese lässt an den kindlichen Eifer denken, eine geheimnisvolle Welt nicht nur zu entdecken, sondern auch schaffen zu wollen. Demzufolge ist auch bei ihm weder ein Thema noch ein Material tabu. Die Frage, darf ich das, was hat das für Folgen für mein Image und nicht zuletzt für meinen Geldbeutel, zumindest von ihm werden sie nicht gestellt. Trödelmärkte und Läden für Kinderspielzeug bilden eine reichhaltige Fundgrube an Material für Balavat. Nippes aus Porzellan und Plaste aber auch Spielzeugautos und Comicfiguren, Plüschtiere und Kunstdrucke, die millionenfach verlegt und in dieser Form so selbst die Grenze zum Kitsch tangieren, erfahren auf die intensiv leuchtenden Farbgründe montiert eine seltsame Verwandlung. Als eine Entkitschung des Kitsches könnte man den Schaffensprozess des Künstlers bezeichnen. Einem Zauberer vergleichbar verwandelt Balavat so zum Teil ästhetisch minderwertige Scheußlichkeiten in avantgardistische Kunstobjekte. In diesen offenbart sich uns immer wieder eine spannende Bildgeschichte, die nicht nur stilistisch zwischen Surrealismus, Pop Art und Dadaismus angesiedelt ist. Zauberhaft, zum Teil auch frivol, zugleich aber entrückt von der Alltagsrealität, wirkt diese Kunstwelt dennoch sehr diesseitig, wird doch in ihr unser Verhältnis zur Tradition zum Teil auf sehr herausfordernde Weise hinterfragt. So wimmelt es geradezu von Anspielungen und Zitaten auf Werke der Weltkunst, die die Bildfläche friedvoll mit Produkten von Kitschartisten teilen und durch Nippes aus Porzellan bzw. Plaste ihren Background finden. Ein plebejisches Konglomerat entsteht so, das einmal durch Balavats Hände gegangen in seiner frisch frechen Unmittelbarkeit zugleich auch poesievoll im Gesamtzusammenhang der Gestaltung wirkt, nachdenklich stimmt und nicht zuletzt der Ambivalenz unseres Traditionsbewusstseins auf beste Weise verpflichtet ist. Diese optische Infragestellung des Überlieferten, die sich aus Sarkasmus und Melancholie, aus Übermut und Ohnmacht ebenso speist, wie aus Pracht und Elend in Gegenwart und Vergangenheit lässt mich erstaunlicher Weise an einen Ausspruch von Thomas Mann während des zweiten Weltkrieges denken. Von Journalisten gefragt, was das "eigentliche Ziel" seiner Arbeit sei, antwortete dieser: "Ich sage einfach Freude." Diese Worte konnte ich beim Lesen der Texte und Betrachten der Kunst von Balavat immer wieder neu empfinden - Freude an der ästhetisch gelungenen Symbiose von Unvereinbarem im Wort wie im Bild zu einer geistvoll gestalteten Humoreske, die im Zwischenreich von Wissen und Zweifel, von Vergangenem und Gegenwärtigen angesiedelt ist. Prof. Dr. Brigitte Rieger- Jähner |