| Die Universalsprache und die Macht des kreativen Geistes | |
Wohin könnte eine Identifikation mit dem seienden Nichts führen? Die Antwort ist nicht leicht zu geben. Da sich vor dem geistigen Auge eine notwendigerweise bis zur Tranzendenz reichende, unbeschreibliche Unermesslichkeit an Qualitätszuwachs und Formenverfeinerung auftut und die sehende und wissende individuelle und kollektive Fantasie den Boden unter den Füßen verliert, um davon zu schweben, kann die Antwort in Bezug auf das bisher Erschienene nur andauernde, bewusste, progressive, willentlich erzeugte Selbstbegrenzung heissen. Bewusster, intelligenter, eklektisch-kombinatorischer, kreativer Geist und Wille, der vor der unendlichen, nicht fassbaren Auswahl an Möglichkeiten, Bildern, rationalen und irrationalen Geschehnissen steht, kann nur durch eine passive, jedoch die universellen Zusammenhänge prinzipiell klar erkennende Geisteshaltung, in der er sich selbst als rein instrumental zur Verfügung stellt, indem er sich aktiv innerhalb dieses denkfreien Zustandes zum intuitiven (im Gegensatz zum instinktiven) Handeln ausschliesslich von den sich selbsttätig in den Vordergrund bringenden oder sich sogar suggestiv aufdrängenden Bildern, Visionen und Inspirationen anregen läßt, zu einer Art sich selbst unterweisender, transrationaler Intelligenz im Akt kreativer Aufhellung gelangen und schöpferisch von den neuen, überhöhenden Einsichten und den sich aufschlüsselnden größeren Zusammenhängen, sowie deren freien Entfaltungen, die meist in die Poesie führen, Gebrauch machen. Eines ist sicher: Das menschliche, vernunftbegabte, rational denkende und empfindende Bewusstsein würde überschritten. Es diente nur noch der Vermittlung und freiwilligen Begrenzung des im Einzelfall wie in der Gesamtheit vorhandenen spontanen und intuitiven Wissens, welches sich kausal-logisch und juxtapositionär in Identität wie von selbst darböte. Alle im dreidimensionalen Universum in Erscheinung gesetzten oder getretenen sichtbaren Formen und wahrnehmbaren Inhalte erschienen nun nicht mehr als das, was sie im praktischen Leben sind, sondern als etwas, was sie symbolhaft in ihrer Idee von sich selbst und im Ganzen verkörpern. Sie erschienen als metapherhafte Psychogramme, Zeichen, Hinweise, bedeutungsvolle Formen, als wegweisende Hieroglyphen und Piktogramme, als Ermutigungen, Warnungen, tatsächliche Zusammenhänge, kurz: Sie erschienen als universelle Sprache, die von jedem bewussten, vernunftbegabten Wesen auf die ihm gegebene Weise, d.h. auf seine spezielle kulturell oder ethnisch bedingte Empfindsamkeit eingehend, zu verstehen wäre. Höchste Verdichtung dieser Universal-Sprache fände in der alles einbeziehenden Allgemeingültigkeit durch die Wiedergabe universeller Gesetze statt. Die Erscheinung ersetzte das Wort. Das Wort erschüfe die bildhafte Erscheinung. Selbst das physische Sichtbarwerden eines Dinges oder Wesens wäre ein sprach-bildlicher Hinweis auf das in der Folge zu erwartende Geschehen und die daraus hervorgehende oder schon hervorgegangene Erfahrung. Der Wahrnehmende schritte bewusst durch die sichtbare Welt, stets imstande, durch bewusst erzeugte Imagination oder sprachliche Bildschöpfung in das Vorhandene korrigierend, verbessernd (im Sinne des universellen Gesamtzusammenhanges), oder auch nur zum Spaß oder aus Freude am unerwarteten, freien schöpferischen Tun einzugreifen. Durch seine bewusst bildsprachlich herbeigeführten Gegebenheiten befände er sich in der Lage, die sich darbietenden zukünftigen Geschehnisse und die zu erwartenden Zuständlichkeiten im Ablauf der Zeit zu erzeugen, zu beschleunigen, zu verlangsamen oder zu eliminieren. Das zunächst auf das engere Feld seiner sinnlichen Wahrnehmung gerichtete Bewusstsein wäre im Laufe der Zeit dazu gezwungen oder würde daran gewöhnt, seine Betätigung bis ins Globale und Universelle auszudehnen und immer weitere Bereiche in sein selbstverständliches, an allem was geschieht teilhabendes kreatives Tun einzubeziehen. Künstlerisches Handeln gewänne einen tatsächlichen Zweck. Die bisherigen, engen ästhetischen und formalen Kriterien könnten wie ,unter anderem weiterbestehen, dabei erweitert und ausgefeilt werden. Auf alle Fälle fände, wie als Beiwerk, eine Ausweitung und Überhöhung der alten Paradigmen statt. Zusätzlich erkennte man, was man mit der bisherigen Art, Kunst zu machen, angerichtet hat; vielleicht ein heilsamer Schrecken, denn das Gesetz, dass sich das wort- bild- oder modellhaft Erzeugte (Kreierte) zu verwirklichen gezwungen ist, bliebe auch in der Unkenntnis dieses Zusammenhanges bestehen. Auf alle Fälle hätten wir, bei einer derartigen, revolutionär erneuerten und erweiternden Betrachtung der globalen und universellen Existenz und Entwicklungslage, mit dieser Form schöpferischen Handelns einen wirklichen pragmatisch verwendbaren Hebel in der Hand, der uns aus der misslichen Lage befreite, aus einem durch Ideenlosigkeit gekennzeichneten Nicht-mehr-weiter-wissen, mit der Folge eines beliebig erzeugten, willkürlich erschaffenen oder aus der nihilistischen Verzweiflung heraus entstehenden Schöpfungsrausches, in jenen bekannten geistigen Taumel zu verfallen, der als zwangsläufiges, da sich selbst relativierendes Ergebnis, zwar ungewollt von den Kreatoren, aber immerhin dennoch dem Gesetz der Materialisierung einer jeden (auch der schrecklichsten) Idee folgend, die Apokalypse dabei visionierend, diese nicht nur herbeiriefe, sondern auch erschüfe (ähnlich der Wirkweise einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung). Eine derartige Befreiung findet ihre Notwendigkeit durch die Sichtbarmachung der Wirksamkeit ihrer Ergebnisse. Man kann fast von Glück sagen, dass die zeitgenössische Bildende Kunst zu Recht von der Wirkungslosigkeit des künstlerischen Produkts, ihrer selbst also, überzeugt ist und nun, in ihrer Hilflosigkeit, den Prozess des Kreierens selbst zur Kunst erhebt und erklärt. Das Ergebnis dieses Tuns wird zwangsläufig die endgültige Auflösung der ,Kunst herbeiführen. Unserer bisherigen Entwicklung ginge eine Haupttriebfeder verloren, die Kunst als Geist-evolutionierende Triebfeder! Dann hätten wir das, was Auflösung und Rückschritt zwangsläufig mit sich bringen: Das zuhöchst evolutionär Erreichte sänke merklich oder unmerklich in sich und sein Material zurück, verflachte zuerst, trieb die Verflachung auf die Spitze, pervertierte danach und verlöre letztlich jedes Maß an Kontrolle über das kreative Geschehen und somit jede bisherige evolutionäre Bedeutung, weil diese in ihr Gegenteil, einen unbewusst oder bewusst erzeugten, auflösenden, destruktiven Involutionsakt umschlüge. Das kann jedoch bei der Kunst nur bedingt und als vorübergehender Prozess möglich sein, weil sie ein ewiges, schöpferisches, aufwärtsgerichtetes Prinzip darstellt, welches die Destruktion und den Verfall zugunsten eines Neuen oder Neuzuwerdenden, da das Alte für die angestrebten Zwecke nicht langte, gebraucht. Kunst ist von der Evolution, d.h. der ausfaltenden Rückkehr des seienden Nichts zu sich selbst, abhängig und wird dann durch Größeres überhöht, wenn die evolutionäre Notwendigkeit danach verlangt. Und sie tut es! Die vorgeschlagene und erläuterte Weiterentwicklung bewussten schöpferischen Handelns in die Reiche der selbstbestimmenden bewusst erzeugten und beschleunigten Evolution, bis hin zur Mutation einer Identifizierung des einzelnen Individuums mit dem Ganzen, also auch mit einem beschriebenen seienden Nichts, ließe ein von sich selbst befreites, strebendes Aufwärtsgerichtetsein zu, welches durch die tatsächlich und nicht nur theoretisch herbeigeführten Ergebnisse neue Maßstäbe zu setzen imstande wäre, die, da nicht mehr wegzuleugnen, als geistesrevolutionär angesehen werden müssten. Für die Kunst bedeutete das soviel wie ein größeres, neues, ihren erhabenen Ansprüchen gerecht werdendes Leben! Identifizierte man sich, wie beschrieben, mit dem seienden Nichts, was aufgrund der Einfachheit seiner Struktur nicht schwierig ist, denn das Nichts ist nichts, mit dem man sich identifizieren könnte, außer eben mit seiner leeren, vorhandenen, qualitätslosen Nichtvorhandenheit (was in sich nur insofern ein Paradoxon ist, dass das Nichts dort, wo es ist, anwesend ist und seine Anwesenheit eine radikale und absolute Abwesenheit von Qualität bezeichnet) -, identifizierte man sich also mit diesem seienden Nichts, mit dieser leeren Vorhandenheit einer Nichtvorhandenheit, die jedes wache und bewusste Individuum hinter seinem Denken und Wollen zwangsläufig dann wahrnimmt, wenn es (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr denkt und will, fällt es ebenso leicht, sich mit dem nach dem Urknall ständig expandierenen, objektiv in Erscheinung tretenden Raum und der durch Verschiedenartigkeit der materiellen Abläufe sich als subjektiv (im weitesten Sinne) darstellenden Zeit in ihrer Gesamtheit zu identifizieren. Der sich so in seiner Tatsächlichkeit bewusst Wahrnehmende erkennt, da er das seiende Nichts nun als sich selbst anerkannt hat, auch dessen Auswirkungen, den Raum und die Zeit, sowie die materiellen Entwicklungsabläufe, die in beiden gleichzeitig stattfinden, als sich selbst und der Existenz des seienden Nichts zugehörig, von dem er juxtapositionär in Identität denkend weiß, dass es die dunkle Rückseite einer lichtvollen, unbegrenzt quantitativen Omnipotenz eines ansonsten leeren Bewusstseins ist. Der sich bewusst, existentiell wirklich als das seiende Nichts Wahrnehmende, erkennt die ihm innewohnenden, omnipotenten, unendlichen Qualitäten, die nicht nur die Ordnungsprinzipien, sondern auch das Chaotische als Freiheitsfaktor in sich bergen, als sich selbst. Dieser Geist, der von der Identität der Dinge nun nicht mehr nur weiß, sondern in ihnen lebt und sie erfährt, weil er sie durchdringt, wird in die Macht des bewussten und freien Umgangs mit ihnen entlassen und seine wesenhafte Vorhandenheit könnte als gnostisch bezeichnet werden, sofern es ihm dauerhaft gelingt, persönliche, individuelle Vorstellungen zu eliminieren, d.h. diese bewusst, zumindest während des schöpferischen Tuns, zu unterbinden. |
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| © by BALVAT 1998 (auch auszugsweise) | weiter |