Über die Unmöglichkeit, mehr als eklektisch kombinatorisch kreativ zu sein und die Chance, dennoch zu schöpferischer Macht zu gelangen

Ist das Motiv für eine Handlung geklärt, erhebt sich die Frage nach der Form und der Art der Ausführung. Das alte Prinzip von Einsicht und Tat, Theorie und Praxis tut sich auf.
Dafür müssen wir das Material kennen, mit dem wir umgehen wollen, die Substanz, aus der die Ideen sind.
Leider scheitert der Versuch, sich bilddenkend etwas nie Dagewesenes vorzustellen, an der Tatsache fehlender neuer Grundmuster.
Kreativität aus dem Nichts heraus ist undenkbar.
Alle Kreativität ist zwangsläufig eklektisch und kombinatorisch.
Wie, wenn man zwei Spiegel dicht bis zur Berührung der Gläser gegenüber stellt, dass sie nichts anderes widerspiegeln können, als ihre eigene doppelte Leere, steht der kreative Geist im Anblick des Nichts vor dem Aus.
Erst die Vorhandenheit von Grundmustern erlaubt ihm, schöpferisch, jedoch nur im Sinne von eklektischer Kombination, zu werden.
Nur die denkbare Vorhandenheit des geometrischen Ortes, der Geraden, des Strahles, der Strecke, der Kurve, der Parabel usw. lässt formale eindimensionale Existenz von Grundmustern und somit Rudimentär-Kreativität zu, die, geistig bewegt, das Dreieck, das Quadrat, den Kreis, die Ellipse etc. als zweite Dimension zu kreieren imstande ist.
Mit diesen zweidimensionalen Grundmustern lassen sich wiederum unter Zuhilfenahme kombinatorischer, eklektischer Kreativität die Ideogramme der dritten Dimension erschaffen: die Pyramide, der Kubus, die Kugel, der Zylinder, der Kegel usw. in einer durch Kompliziertheit aufsteigenden Reihenfolge und - das zu bemerken, ist notwendig - in einer unendlichen, nicht endenden Anzahl von ins Uferlose zu treibenden Möglichkeiten.
Denkt man sich die hier aufgezählten Grundformen, die, im Gegensatz zum ‘nie Dagewesenen‘ immer vorhanden waren und sind, weg, steht jede schöpferische Vorstellung vor dem Aus. Man müsste diese Grundformen neu erfinden, um kreativ werden zu können.
Woher diese Grundmuster in ihrer dimensionserschaffenden Logik kommen, mag dahingestellt sein. Tatsache ist, dass sie da sind, scheinbar immer da waren und da sein werden, selbst dann, wenn sie nicht in Erscheinung treten.
Der kreative Geist hat sie nicht erzeugt, sondern angetroffen, und zwar universal, kollektiv, in sich selbst und an allen denkbaren Orten.
Es scheint sich bei diesen Grundmustern um fundamentale Bausteine der Existenz zu handeln.
Im Anblick des Nichts müssen sie entweder ,neben‘ oder ,hinter‘ demselben zeitlos, und, da das Nichts eigenschaftslos ist, immer irgendwo gewesen sein;
oder
sie sind irgendwann, durch einen Willensakt des Nichts, als nie Gewesenes in einer Art Urkreativität hervorgetreten.
Der geometrische Ort könnte als die bewegte Bleistiftspitze eines ewigen und schöpferischen Willensaktes im Nichts angesehen werden.
Dort, wo er seine Bahn zieht, von wem auch immer getrieben, gestaltet sich formale Existenz.
Um nicht in das Chaos, die Beliebigkeit oder Willkür zu stürzen, sind seiner Bewegung willentliche, dimensionserschaffende Grundmuster auferlegt, von denen sich zu lösen zwar eklektisch kombinatorisch kreativ möglich ist, zu denen jedoch zurückgekehrt werden muss, wenn die Kreation nicht in Bedeutungslosigkeit oder Wildwuchs ausufern soll.
Der Gedanke, aus dem Nichts heraus neue, nie da gewesene Grundmuster zu erschaffen, um so ein völlig anderes, nie da gewesenes Universum zu kreieren, mag reizvoll sein, führt aber zu nichts anderem, als einem gelähmten Geisteszustand.
Es ist unmöglich, sich als Urmuster und Grundbaustein der Kreativität etwas anderes, als einen geometrischen Ort in der ersten Dimension vorzustellen.
Im Zwange der Unmöglichkeit liegt offensichtlich ein Zwang zur schöpferischen Freiheit eines unendlichen Werdens und Willens, der auch in uns lebt.
Denn wenn dem so ist, dass der zur Linie willentlich bewegte geometrische Ort über die eklektische kombinatorische Kreativität ,Realitäten‘ entwirft und erzeugt, ist uns mit ihm unendliche Macht und, ob wir daran glauben oder nicht, hochgradiges Schöpfertum verliehen, welches verantwortungsbewusst, immer das Ganze im Auge behaltend, gebraucht werden sollte.
Das mag ein Grund sein, individuellen Wildwuchs ohne allgemein gültige Inhalte nicht ausufern zu lassen und eine auf das Ganze bezogene Kunst zu fördern, die imstande ist, sich gekonnt zu ‚höherem Zweck‘ gebrauchen zu lassen und sich selbst zu begrenzen.


© by BALVAT 1998 (auch auszugsweise)weiter