Motiv der Progression

Woher jedoch, könnte man sich fragen, nehmen wir den Kraftstoff, um einen derartigen Motor in Bewegung zu setzten?
Willkür, Beliebigkeit, Ironie, Fatalismus etc. sind die regressiven Triebfedern eines bewusst begriffenen oder latent und unterschwellig wirkenden Nihilismus‘.
Der Weg bis dorthin, wo wir heute sind, war lang, nebenher gesagt auch mühselig, folgerichtig wird dem Rückschritt ein ebenso langer Weg zuteil, der jedoch, da es bergab geht, in kürzerer Zeit zurückzulegen ist; jedenfalls haben wir ein ordentliches Tempo vorgelegt.
Eine Verlangsamung des Abstiegs, sprich: des Verlustes ethischer, ästhetischer und inhaltlicher Substanz, ist nicht zu erwarten.
Die moralischen Bremsbelege sind runter! Eine Überethik ist nicht in Sicht.
Versuche, zu warnen, wirken wie Endzeitstimmungsmache und lächerlich.
Wir malen unsere Särge bunt an! Eine Form von verzweifelter, lasziver oder selbstironischer, nihilistischer Kreativität.
Warum soll der Untergang einer inhaltslosen Welt nicht zynisch belächelt und mit derselben Antwortlosigkeit belegt werden, die uns von einer universellen Intelligenz vor die Nase gehalten wird?
Der Himmel schweigt zu den möglichen Auswegen der Genmanipulation, zur Züchtung von Organtransplantaten aus überflüssigen Embryonalmaterialien.
Wir sind geistig - evolutionär nahe daran, sogar den Tod der Physis zu überwinden.
Große Erfolge des menschlichen Geistes im Nichts sind zu erwarten.
Und wenn wir dann leben, gesund, stark, lange und leer, d.h. auf die kleinen sinnlichen Freuden der Welt begrenzt, die, zur kreischenden Perversion getrieben, in übersättigter Langeweile enden, welche wiederum unausweichlich in die Stumpfheit eines kollektiven Autismus‘ führt, sind die Sinnfragen der Existenz noch lange nicht geklärt, sondern eben nur endgültig ausgelöscht. Doch sie sind der Motor:
Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo gehen wir hin?
Welche Notwendigkeit liegt unserer Existenz in der Gesamtheit zugrunde?
Betrachtet man die Tatsache, dass sich diese Fragen nur ein wacher, evolutionierter, menschlicher Geist stellt, sie aber nicht mehr gestellt werden, zumindest nicht in der Bildenden Kunst (welch adelnder Begriff!), kommt man zur Überzeugung, dass es dort keine wachen Geister mehr gibt, sondern das Gegenteil zutrifft.
Die Hyperindividualisierung Einzelner, der Genie-Begriff sind entstellt.
Werke werden an Personen und an ihrer merkantilen Verwertbarkeit festgemacht, an die Wand genagelt, und damit hat es sich. Danach beginnt der Kunstmarkt.
Im Grunde traurig, doch Fakt.
Die unbestreitbare, tatsächliche Lage der Dinge währt nun schon einige Zeit in ihrer Unerträglichkeit, ohne dass etwas Neues daraus hervorbräche, wie wir es aus der Historie kennen und in den ,Achtundsechzigern‘ vorübergehend erlebten.
Von einigen Versuchen, wie der ,Kunst nach der Kunst‘, abgesehen, die aber in Willkür und Beliebigkeit abrutschten, kann man darauf schließen, dass der kreative, evolutionär drängende Geist des Menschen durch die Ergebnislosigkeit seines Bemühens ermüdet und derartig erschöpft ist, im Sinne von Trockenlegung, dass selbst, wenn er sich durch eine Pause erholen sollte, er höchstens und bestenfalls die Wiederholung des Gehabten mit neuen, seinen Misserfolg verbrämenden Vorzeichen anträte (ein circulus vitiosus).
Und doch bleibt bisher die Frage nach einer neuen, belebenden, unwiderstehlichen, weil überhöhenden Antriebskraft unbeantwortet. Wer sollte auch eine Antwort geben? Wer überhaupt sollte die Notwendigkeit eines nächsten evolutionären Schrittes, der vom Schicksal der Welt eingefordert wird, erkennen und pragmatisch anstreben?
Er möge vortreten und die Modelle seiner Visionen herzeigen! Wir freuen uns auf ihn und sein Werk! Es wird voll neuen Inhalts sein, inmitten der Leere.
Und sollten seine formalen Bemühungen auch unbeholfen wie die Zeichnungen des Höhlenmenschen wirken, Hauptsache bleibt die notwendige Durchschlagskraft!
Nicht das Werk zählt, sondern seine tatsächliche Auswirkung!
Dann haben wir sie wieder, die wahre Kunst, mit all ihrer Schönheit und Kraft und der Macht, geistige und materielle Zuständlichkeiten zu verändern und selbst zu bestimmen!


© by BALVAT 1998 (auch auszugsweise)weiter