| Auf zu neuen Ufern | |
Als die Zeit gekommen, daß alles gesagt war und die Bandbreite menschlichen Wissens und Empfindens sich durch Wiederholung erschöpft hatte, verlor der künstlerische Ausdruck die bisherige Notwendigkeit seiner aufhellenden und empfindungserweiternden Existenz. Die bekannten Inhalte und Formen lösten sich zwangsweise - in der Hoffnung, dadurch zu neuen Inhalten und Aussagen zu kommen - in einer Art Verzweiflungsakt, der durch das Erkennen der eigenen Grenzen ausgelöst wurde, in der Moderne und später der Postmoderne auf. Neuland wurde betreten. Zweifellos! Doch wie man sich bei einem Standortwechsel selbst unverändert mitnimmt, änderte sich zwar die formale Umgebung, die Aussagen blieben dieselben. Das Wissen und Empfinden vertiefte und weitete sich, dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt der Zeit entsprechend, drang an der einen oder anderen Stelle, stets einen unverarbeiteten und nicht konsequent durchlebten Nihilismus im Nacken, ins Okkulte oder Surreale oder sonstwohin vor, verlor dort jedoch den Halt unter den Füßen oder erging sich in einem Hypersubjektivismus, so dass die Notwendigkeit des künstlerischen Ausdrucks, der bisher aus der Allgemeingültigkeit seine Kraft und Größe bezogen hatte, schwand. Die erzwungene oder besser gesagt zwangsläufige Abwendung der Kunst von den universellen Werten in die rein subjektive Betrachtung - so neu und neuwertig diese auch sein mochte - brachte unvermeidlich, nach der Erschöpfung der Inhalte, die Auflösung der klassischen Formen mit sich. Da sich das Wissen von den Zusammenhängen der universellen Natur, sowie die Empfindungstiefe, welche sich schon in der Romantik verausgabt und erschöpft hatte, jedoch und trotz aller Bemühungen nur geringfügig steigern und erweitern ließen, verlor sich letztlich und folgerichtig jeglicher allgemein gültige Inhalt in der alles relativierenden Subjektivierung des künstlerischen Ausdrucks, der sich bis in die Beliebigkeit der zeitgenössischen Kunst und über die mißverstandene Freiheit der Absurdität bis hin zum absolut willkürlichen Ausdruck steigerte und so zum heute praktizierten reinen und leeren Formalismus, bar aller intellektuellen oder ethischen Aussagen und Werte, führte. Merkmal der Erschöpfung auf den vielen eingeschlagenen Wegen über das Bisherige hinaus zu kommen, war die Kurzlebigkeit der verschiedenen Stilrichtungen im Verhältnis zur Klassik, die immerhin einige Jahrtausende Bestand gehabt hatte und nach ihrer Überwindung durch die Moderne berechtigt hochmütig, da nie wieder erreicht, und wie unberührt bis heute weiter existiert. Expressionismus, Impressionismus, Surrealismus, Dadaismus, Konstruktivismus und viele andere Kunstrichtungen mehr, gaben sich innerhalb eines Jahrhunderts von ihren Ergebnissen unbefriedigt und wie Hilfe suchend die Klinke in die Hand. Die Geburt einer neuen Kunstrichtung erzeugte automatisch durch das ihr innewohnende Ungenügen einen avantgardistischen Schub und eine Gegenbewegung, und das bis hin zu dem Zeitpunkt der Gegenwartskunst, wo das Rad der Geschichte, der Kunstgeschichte, aus jeglicher Bahn geworfen ins Trudeln geriet und sich nun überschlägt. Jegliche bis ins Absolute getriebene Betätigung führt, verliert man nicht das Maß durch Übertreibung, auf eine neue Ebene des Erkennens und Erfahrens. Bei Verlust oder Nichtvorhandenheit eines Zieles, auf das man sich richten könnte, schießt man jedoch mit Sicherheit daneben oder solange systematisch wild um sich, bis man irgendetwas, das zufällig im Wege steht, trifft. Dann kann es sein, dass eine neue Kunstrichtung geboren wird. Im schlimmsten Fall führt ein solches Vorgehen in den Wahn, was ganz amüsant, zumindest aber interessant ist, weil der Adept während des künstlerischen Ausdrucks ohne zu denken handelt und so zu einer Art unterbewusster Kreativität vorstößt, die zwar in sich und universell intelligent und stimmig sein mag, partiell und individuell jedoch die wirklich vorhandenen Zusammenhänge verfälscht, zerreißt oder sonstwie fragmentiert, so dass keine Allgemeingültigkeit der Inhalte gefunden werden kann, diese sogar bestritten, zumindest gemieden werden. (Art brut oder die Wilden, also auch keine Lösung!) Über den Rest der verbleibenden Möglichkeiten eine halbwegs bedeutungsvolle, vielleicht Zukunft visionierende Kunst zu schaffen, brauchen keine Aussagen gemacht zu werden. Und dennoch: Inhaltslosigkeit und erschöpfter Formalismus führen, da die sich stets erneuernde Lebenskraft blind und unerbittlich zu weiterem Ausdruck drängt, zwangsweise, weil keine Ausrichtung besitzend, die Kunst in die Perversion, in den zynischen, intelligenten oder sogar dummen Humor, oder schlimmer noch, wenn die Künstler stark genug sind, in die Duchampsche Ironie und Wahrheit, dass es Kunst eigentlich überhaupt nicht zu geben braucht, weil sie auch ohne unser Zutun alles Existierende durchdringt; was natürlich nicht nur für den Formalismus mit einem unverstandenen oder nicht vorhandenen Inhalt zutrifft (den durchdringt, ohne es zu wissen, etwas ganz anderes: absolute Leere in einer ethiklosen Ästhetik). Für den von der zeitgenössischen jungen Kunst vermuteten, leicht und verspielt angenommenen Ausweg aus dem Dilemma, über das formale Mittel der ,neuen Medien aus der Sackgasse herauszukommen, gilt das schon oben Gesagte: Ein neuer Pinsel bringt keine neue Kunst hervor und schon gar keine neuen Inhalte. Ohne eine grundlegende, neue, tatsächliche Erkenntnis der universellen Zusammenhänge, ohne wirklich neue Erfahrungen des existentiellen Seins, wird es keine neuen Inhalte und Sichtweisen geben, sondern ein nur noch tieferes Verlaufen in den nackten, leeren Formalismus unbefriedigender, fruchtloser Willkür, bis in die Realitätsfremdheit eines Technikwahnes mit dem Ergebnis geistiger Erblindung für die globale Tatsache eines drohenden apokalyptischen Endes, hervorgerufen durch einen logisch zu begründenden Werteverfall und das zu helle Licht intelligenter Speicher und Kombinationsmaschinen, die alle bisherigen künstlerischen Bemühungen perfektionistisch überlagern, wenn nicht sogar ersticken. Also: Es sieht nicht besonders gut aus für die zeitgenössische, bildende Kunst, die Avantgarde und ihre Erzeuger, Betrachter, Experten und Kritiker, Zeitungsherausgeber und Händler. Der Verbleib eines weiterhin bestehenden, vielleicht sogar boomenden Kunstbetriebes darf über die Misere nicht hinweg täuschen, denn sein Bestand ist - wie lange noch, weiß man nicht - auf die Qualität, welche die Kunst einmal besaß und besitzt, sowie auf ihre aufrichtigen Anstrengungen und Versuche, über sich selbst hinaus zu kommen, zurückzuführen. Die Hinwendung zur historischen Qualität weist auf die Qualitätslosigkeit der aktuellen Ergüsse hin. Ein weiterer Grund für die unermüdliche Beschäftigung mit dem künstlerischen Ausdruck besteht im Nachholbedürfnis der Jugend und der Masse, die heute entdeckt, wie und was vorgestern, gestern und heute gesucht wurde und wird. Das macht die Kunst nicht bedeutungsvoller, sondern degradiert sie zur Massenware oder zum Anlagewert der sich erfolgreich behauptenden Gesellschaftsschicht. Die Elite der Kunstschaffenden, die Protagonisten neuer Sinnsuche und Sinngebung, die geistigen Theoretiker, die Koryphäen der Kunsthistorik, selbst die Kunst- -Philosophen und was es sonst noch an Experten gibt, sind sich einig über den aktuellen Zustand der Kunst: Sie ist mit ihren Inhalten am Ende! (Formalästhetisch mag sie noch das eine oder andere zu bieten haben.) Zumindest befindet sie sich in einer koanhaften Daueragonie, denn wer sich in Ausschließlichkeit und permanenter Überbetonung seiner selbst und seines fachspezifischen Tuns, bis in die Entrückung der Fachidiotie getrieben, nasalautistisch nur mit sich selbst befasst, darf sich nicht wundern, dass er nichts wirklich Neues oder universell Allgemeingültiges hervorbringt, geschweige denn imstande ist, über das Bestehende hinauszuweisen. Gelingt es ihm zufällig dennoch, dem Werk wenigstens eine gewisse Allgemeingültigkeit zu verleihen, weil seinem schöpferischen Handeln eine ungewollte Absichtslosigkeit zugrunde liegt, die, wie später begründet wird, die Voraussetzung für die ,realen Auswirkungen seines Werkes auf sich und die Welt ist, gelingt es ihm also zufällig dennoch, dem Werk universelle Allgemeingültigkeit zu geben, in etwa so, wie ein blindes Huhn auch einmal ein Korn findet, untersteht dadurch sein Tun, ob er es weiß und will oder nicht, dem überspannenden, universellen Gesetz, dass alles in Erscheinung Getretene einer Idee von sich selber unterworfen ist. Eine Bombe explodiert, wenn man mit dem Hammer auf den Zünder schlägt! So ist sie gedacht. Sie funktioniert, wie sie funktionieren soll. Es ist ihre wertfreie Idee von sich selbst. Und wie diese Bombe, birgt das unbewusste, künstlerische Handeln große Gefahren ungewollter Realisationen in sich und ist theoretisch in der Lage, durch ,ungerufene apokalyptische Visionen, sich selbst und die Welt zu vernichten (eines der Motive, dagegen etwas zu tun, es sei, die Welt ist einem schon schnurz und pipe). Das Hauptanliegen der Kunst war jedoch zuhöchst und zu jeder Zeit auf die Überwindung ihrer selbst samt des überhöhenden Ausdrucks gerichtet, um in die Tempel der Macht des sich selbstbestimmenden Geistes zu gelangen und so nicht nur abbildendes, umschreibendes Ersatzschöpfertum bildender Künste zu besitzen, sondern die Allmacht des Pankreators Geist in Besitz zu nehmen, wie es ihr zusteht. Die Spitze der heutigen Kunst besteht aus einer Horde erfolgreicher, weil chronisch verzweifelter Dennochspaßmacher, die es aufgegeben haben, unter den Schmerzen der intellektuellen und begründeten Verzweiflung nach einem Ausweg zu suchen und es vorziehen, den Nihilismus zu feiern, anstatt ihn zu überwinden (das Titansyndrom). Und wenn sie nun noch in ihrer Hilflosigkeit, die in einer grundlegenden, nicht zu verheimlichenden Ideenlosigkeit begründet ist, dazu übergehen, den künstlerischen Prozess vor das Produkt zu stellen und diesen Prozess zum Kunstwerk erklären, ist das Motiv zwar leicht zu durchschauen, jedoch zögert dieses Vorgehen das Ende nur hinaus, denn es stürzt aus dem leeren, wenn auch manchmal ästhetischen Formalismus in die Dunkelheit des in sich selbst begrenzten Materials. Da mag es dann ruhen. Überhöhend wirksame Kunst wird nicht mehr hervorgebracht. An dieser Stelle empfiehlt sich, zum Ursprung des bildnerischen Ausdrucks zurückzukehren: in die Höhle des Steinzeitmenschen. Einige haben so etwas gewagt, doch feststellen müssen, dass sie inhaltlich nichts Neues zu sagen hatten, weil das, was den Menschen in der äußeren Erscheinung ausmacht, nun mal bekannt ist: Geburt und Tod, Schlafen und Wachsein, Nahrung und Stuhlgang, Reproduktionsbiologie, Beherrschung der Naturgesetze etc. Nach dem Warum, Woher und Wohin des Ganzen wird nicht gefragt, Aufhellung nicht gefordert. Es interessiert innerhalb der genannten Parameter nicht und es existiert auch keine Notwendigkeit, danach zu fragen, weil der Zustand des bisherigen Erkennens als letzter und endgültiger proklamiert wird. Ein solcher Standpunkt lässt keine weitere Entwicklung und keinen evolutionären Protagonismus, auch nicht in den Künsten, zu. Stillschweigend, an die sinnliche Wahrnehmung gebunden, durchdringt die dahinter wahrgenommene und tatsächlich vorhandene nihilistische Leere als allgemein anerkanntes, religions- und ideologieüberschreitendes Moment jegliche Ausdrucksformen in den Künsten. Kunst läuft zur Hochform auf, je leerer sich der Ausdruck darstellt, in der versteckten Hoffnung, so auf den Punkt zu kommen: Ästhetik ohne Inhalt, ethiklose Zuständlichkeiten, Perversion ohne Wertung, knallharte Bestandsaufnahme des Vorhandenen, Abstand und Auskörperung aus dem universellen Weltkörper sind die Folgen dieser geisteskapitulativen und logisch zwar nachzuvollziehenden, aber dennoch ins Aus führenden mentalen und emotionalen Geisteshaltung. Unbestritten: Auch der Untergang kann schön sein! Spätestens seit der Zeit des Informel wissen wir, dass Kot, Krebsgeschwüre oder eitriges Sputum etc., für sich genommen, ästhetischen Wert besitzen. Diese Einsicht ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass uns das in der Bewertung der Kunst und ihrer Auswirkung auf die Bewusstseinslage, die heute zwangsläufig und logischerweise rein merkantilen, hyperindividualistischen und konstruktivistischen Motiven folgt, nicht weiterbringt. Wohin auch? Zu kurz gefasste Rückgriffe bewirken keine Erneuerung, sondern das Gegenteil. Futuristische Fluchtversuche nach vorn entbehren der Folgerichtigkeit; sie knüpfen nicht an und degradieren damit sich selbst zu unterhaltsamen Phantasmen. Was aber sollen wir mit dem Vorschlag, geistig in die Höhle des Steinzeitmenschen zurückzukehren, anfangen? Konnte der Urmensch etwas, was wir vergessen haben? Und wenn ja, was? Es ist ungeklärt, ob er das Mammut vor oder nach der Jagd an die Wand malte, ob das Kunstwerk eine Widerspiegelung des Erlebnisses der Jagd oder eine sehnsuchtsvolle Vorausschau, sozusagen eine Wunschbildprojektion war, oder gar beides zutraf, in beliebiger Reihenfolge. Tatsache ist, er übertrug die Grundnotwendigkeit seines existentiellen Daseins bildhaft visioniert auf die Wand. Jeder dekorative oder ästhetische Gedanke ist hier nachweislich und im höchsten Fall nur sekundär in Erscheinung getreten. Notwendigkeit im absoluten Sinne, Bedürfnis, Notdurftkonzentrat stehen als Inhaltlichkeit vor der unbeholfenen Form, die sich, bei der Ausmalung der Gegebenheiten, wie von selbst verfeinerte und ästhetisierte. Das Höhlenbild erscheint also als die Umkehr dessen vor uns, was die aktuelle, zeitgenössische Kunst heute proklamiert: die leere Ästhetik um ihrer selbst willen. Eine solche Haltung kann man nur dann einnehmen, wenn es einem absolut gut geht und man sich keine Sorgen um die persönliche Zukunft und die der Welt machen muss oder machen will. Damit entzieht man, wie gesagt, der Kunst ihre höchste Motivation und Allgemeingültigkeit und nimmt dem Einzelnen die wahre Möglichkeit archetypischer Entwicklung und Überhöhung. Sorglosigkeit ist jedoch im Anblick der individuellen und der globalen Entwicklungslage nicht angebracht, denn erstens droht jedem irgendwann das Ende seiner physisch-vitalen und mentalen Existenz, das Vakuum, die wirkliche Leere, die Auslöschung seiner selbst, wie klug und stark er auch gewesen sein mag, und zweitens ist es kollektiv ebenfalls nicht besonders gut um unsere geistige, kulturelle und materielle Zukunft bestellt. Also: Setzte man voraus oder hielte es nur für möglich, dass das Höhlenbild zwar zuerst nur eine Reflexion notwendiger Geschehnisse gewesen sein mochte, dann aber, zur präsenten, bewussten oder unbewussten Suggestion einer sich selbst stets vor Augen gehaltenen Notwendigkeit avancierte (in der Werbung geht man ähnlich vor), welche zu einer selbstprägenden, ikonenhaften Vorbildhaftigkeit führte, die durch ihre Vorhandenheit zur pragmatischen Nachahmung aufforderte und anregte, kommt man zu dem Schluss, dass ein ersehnter Idealzustand, ob nun physischer oder geistiger Natur, wenn er so ins Modell oder in die zeitlose Wahrnehmung gesetzt wird wie ein Bauplan, dem durch die Notwendigkeit Baugenehmigung oder sogar Bauzwang erteilt wird, sich wie selbsttätig in der physischen, dreidimensionalen Existenz manifestierte oder realisierte, er zumindest aber reale futuristische Möglichkeiten, bis hin zur Vision und dem Ideal einer harmonisierten Welt in sich trüge und so der heute besungenen leeren, merkantilen, im Höchstfalle unterhaltsamen, jedoch ausschließlich individuell und anthropomorph bedeutsamen Ästhetik nicht nur einen tiefen, ergreifenden Inhalt, sondern auch ein kraftvolles Leben und große Bedeutung geben könnte. Hier setzte der Kunstbeflissene seinen Fuß auf unerforschtes, vielversprechendes, alles belebendes, Vision herausforderndes Neuland. |
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| © by BALVAT 1998 (auch auszugsweise) | weiter |