Das Form-Inhaltgesetz

Nun trägt zwar jedes Bild die latente, potentielle Kraft in sich (selbst wenn es nicht schöpferisch oder, wie wir meinen, nicht ,künstlerisch‘ erzeugt wurde), das auf ihm Dargestellte unter materiellen Gegebenheiten zu verwirklichen oder abgewandelt, so weit es die Zustände und Gesetzmäßigkeiten der physisch-vital-mentalen Welt zulassen, in die sogenannte Lebensrealität umzusetzen, was es auch mehr oder weniger tut.
Dasselbe gilt für das geschriebene Wort und sogar für jeden Gedanken, ob er nun wörtlich oder bildlich in Erscheinung getreten ist.
Intellektuelle, visuelle, suggestive imaginäre geistige Aufwallungen - woher sie auch kommen mögen - bergen die Tendenz zur Verwirklichung in sich.
Die menschliche Biomaschinerie bedarf, um handeln zu können, eines mentalen, vitalen oder physischen Impulses, der sich entweder instinktiv, sprich über-, unter- oder unbewusst äußert, oder der sich als bewusste oder notwendige Bild- oder Worthaftigkeit, durch äußeren Anlass hervorgerufen, aber auch durch eine bewusste Willensbewegung manifestiert.
Ich kann mich nach einem Stuhl umsehen und mich, weil der Körper durch den Druck der Gravitationskraft ermüdet ist, darauf setzten, sozusagen zu dieser Handlung gezwungen werden. Ein Beispiel für das unbewusste Handeln und die Verwirklichung eines Bildes, welches der Stuhlhersteller gehabt haben muss, als er den Stuhl herstellen ließ oder sogar schon, als er ihn entwarf.
Ich kann aber auch, wenn kein Stuhl da ist, mich nach dem gewünschten Gebilde umsehen, es suchen und, falls ich es in der näheren Umgebung nicht finde, mir vorstellen, wie es auszusehen hätte. Ein Beispiel für eine zwanghaft halbbewusste Bilderzeugung, aus der Notdurft der Ermüdung zur Vorstellung von dem benötigten Gegenstand in Bild, Wort oder der Form zu kommen.
Und drittens bin ich in die Lage gesetzt, mir auch ohne akute Notwendigkeit, per Imaginationskraft, einfach ,nur so‘ einen Stuhl vorzustellen, der ohne direkte Notdurft erzeugt, jedoch eine zukünftige Nützlichkeit besitzen könnend, aber nicht müssend, diese sogar bewusst hinter sich zurücklassend, nun eine halb logische, halb sinnlose Form darstellt, jedenfalls so aussieht, wie ich ihn mir in der Phantasie vorstelle und er noch nirgendwo existiert.
Hier betreten wir das unterdessen erschöpfte und in die Wiederholung getriebene allgemein bekannte Terrain der bis in die Beliebigkeit und Willkür getriebenen formalen Kunstaktivität, die sich nicht durch Erfindung neuer sinnvoller Formen, sondern durch deren Auflösung auszeichnet. Es handelt sich also um die destruktive Kreativität, die umso leichter handhabbar ist, je notwendigkeitsloser sich die Formgebung darstellt.
Ein Stuhl, auf dem man nicht mehr sitzen kann und der nicht mehr wie ein Stuhl aussieht, wäre der Kulminationspunkt dieser Kreativität.
Es gibt viele davon. Sie bezeugen die Notwendigkeitslosigkeit weiterer Kreationen, es sei, es bestünde die Notwendigkeit, sich zu verrenken, weil das aus irgendwelchen Gründen und allein, weil diese Verrenkung möglich ist, ausprobiert werden soll.
Das Gesetz jedoch, dass die ins Modell gesetzte Imagination zumindest das Bedürfnis und die Möglichkeit der Realisation in sich trägt, besteht weiterhin ungebrochen.
Klar ist auch, dass, wenn ich mir einen so beschriebenen Stuhl aufgrund der Kompliziertheit seiner Verwirklichung nur vorstelle und die Vorstellung nebulös wird, dieser nicht in Erscheinung treten kann, sondern sich im Vergessen der vagen Vorstellung auflösen muss und er so irrigerweise den Beweis für die Wertlosigkeit von Ideen führt, was, wie wir gesehen haben, keineswegs zutrifft, es sei denn, für die inhaltslose, formale Kreativität der aktuellen bildenden Kunst, und auch dort nicht in Absolutheit, sondern nur in der Umkehrung der zur Negation von Inhalten führenden Ausdrucksweise.
Wenn nun aber, wie es der Form zu eigen, durch die Begrenzung oder Ausschaltung der Notwendigkeit alles Notwendige gesagt ist und keine Notwendigkeit formaler und inhaltlicher Kreativität mehr besteht, ist die logische Folge, dass Letztere seltener wird und letztendlich ausbleibt, sich vielleicht in die Wiederaufwärmung flüchtet. Dann haben wir so etwas wie Neo-Klassizismus, Neo-Pop etc. zu erwarten.
Die Notwendigkeit eines bildnerischen, oder sagen wir besser eines schöpferischen Aktes, bestimmt die Größe der Realisationskraft, d.h. des Willensaktes, der das innerlich geistig Gesehene ins Modell oder in die tatsächliche Realität bringt.
Nun gibt es aber nicht nur physische, vitale oder mentale Notwendigkeiten, die sich, wie wir sahen, unterdessen mehr oder weniger erschöpft haben, weil die Notwendigkeit absoluter Bequemlichkeit im Universum des evolutionären Werdens nun mal nicht besteht und diese logischerweise jede weitere Notwendigkeit des kreativen Handelns ersterben ließe, sondern wir müssen die einmal vorhandenen, sinnvollen Bilder metapherhaft, zum Zwecke der Erzeugung neuer notwendiger geistiger Zuständlichkeiten, einsetzen, sozusagen psychologisch im weitesten Sinne benutzen, um so aus den erschöpften und nichts mehr hergebenden, formalen Notwendigkeiten in die Notwendigkeit einer inhaltlich veränderten experimentellen Geisteshaltung vorzudringen, die wiederum neue Notwendigkeiten erzeugt, nämlich jene, die sich intuitiv und inspirativ selbsttätig abwickelnd, überrationale logische Folgen ergeben.
Mit anderen Worten: Um die Kreativität über sich hinauszuführen, müssen bildhaft neue physisch-vitale und mentale Erfahrungen und Zuständlichkeiten erzeugt, neue inhaltliche Gesetzmäßigkeiten erkundet und neue, sich selbst bestimmende Szenarien in Bewegung gesetzt werden.
Das Zeitalter rein ästhetisierender und individualisierender Kunst ist vorbei!
Das neue Gesetz ist alt wie die Welt: Ins Modell gesetzte Imaginationen und Visionen erzeugen neue formale und inhaltliche Realitäten und Erfahrungsfelder.
Intuition und Inspiration erschaffen dabei folgerichtige Sagbarkeit überrationaler Unsagbarkeiten.
Wir brauchen mit unserem Ausdruck nun nicht mehr das allgemein Bekannte und tausendmal Gesagte zu reflektieren, weil wir aus der sinnengebundenen Wirklichkeit in die phänomenale Wirklichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis und von dieser aus in die übersinnliche, sprich: geistige Wirklichkeit der ,Idee eines Dinges oder Wesens von sich selbst‘ vorgestoßen sind und wir jedem Ding oder Wesen nun den Platz innerhalb der Kreation zuweisen können, den es in der universellen Gesamtheit allgemein gültig inne hat.


© by BALVAT 1998 (auch auszugsweise)weiter